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Die Märkische 2/3.2.2002 S.8

Abgefahren auf Bus-Mode

Minirock Haarknotenhut und Puschen. Gisela Seppelers Haute Couture aus Sitzbezügen der BVG

Angelika Stürmer

Man lümmelt sich drauf, lässt sich auf ihm durchschaukeln, schwitzt auf ihm im sommerlichen Gedränge - er ist die plüschige Po-Unterlage für die Tour ans andere Ende Berlins: dieser rot-schwarz-orange karierte Stoff, mit dem die Sitze der BVG-Busse versehen sind. Eines Tages fuhr Gisela Seppeler wieder auf ihm - und auf ihn ab. "Die Sonne schien, und da leuchtete er so schön." Die Rechtsanwältin wollte sich ein Kostümchen aus dem weichen wolligen Bezugsmaterial nähen. "Ich hab' zwar sehr oft gute Ideen. Aber von der hab' ich niemandem was gesagt. Die war so verrückt, da musste man ja denken, ich bin reif für die Klapse." Als sie vor anderthalb Jahren bei der Schau des Lette-Vereins war, eine Modeschule in Berlin, erzählte sie einer einstigen Lehrerin doch davon. "Die war begeistert."

Die BVG zunächst nicht. ließ sich dann aber acht Meter Stoff abkaufen. Und Gisela Seppeler schneiderte los. Irgendwann saß sie mit dem neuen Jäckchen das erste Mal im Bus. Zwei kleine Mädchen schauten auf die Jacke, danach auf den Sitz, wieder auf die Jacke und auf den Sitz - und bekamen vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Und erst die Fahrer! Die schmunzeln, wenn sie Gisela Seppeler so seh'n. "Das finden die klasse, dass das jetzt auch Mode ist." Welche Klamotten lösen schon so ein fröhliches Echo aus? "Man wird einfach angelächelt, das ist doch toll."

Mittlerweile nicht nur Gisela Seppeler. Denn sie hat sich eine kompIette Kollektion ausgedacht. Die irren Teile gibt es seit Mitte Dezember zu kaufen: bei der Firma Rodan, u. a. auf dem Kudamm, wo die schönen Stücke auch produziert werden, und im Szene-Laden Ritchie in der Oranienstraße. Das Kostüm mit den großen güldenen Knöpfen hätte Coco Chanel nicht besser hingekriegt. Das Minikleid mit vorn durchgehendem Reißverschluss kann man ebenso als Weste tragen. Der Minirock sieht mit schwarzem Pulli und schwarzer Strumpfhose bestens aus. Dazu Hüte in allerlei Varianten: Einer mit Posament, so dass man die Kopfbedeckung keck runterziehen kann. Der Haarknotenhut hat zwei Ösen, durch die man ein Stäbchen steckt Für junge Leute ist das Barett, das sich zur Schiebermütze umfunktionieren lässt. Mit einer anderen Version kommt man daher, als thronte bei einem ein Geschenkbonbon auf dem Haupt. Dieses Modell ist erst drei Tage alt, gibt's nur einmal, soll aber auch in Serie gehen. Und da sind noch der Topfhut sowie jenes dreieta-gige Prachtstück, mit dem man ir gendwie was von 'ner Zarin hat. Taschen sind natürlich auch zu bekommen. Mit original alten Bügeln und schwarzen Kordeln als Henkel, in Etuiform und samt Posament als Verschluss. Und wer Haus-Latschen bisher albem und bieder fand, der steigt jetzt vielleicht doch in welche rein. In Gisela Seppelers Puschen, hergestellt von der traditionsreichen Firma Jünemann in der Torstraße.

Damit schlurft die 42-jährige Designerin über das Parkett ihres Büros, wo sie sonst ihre Mandanten in Mietrechtsfragen be-rät. "Bei Gericht muss ich natür-lich was Gedecktes tragen", erklärt sie, "aber privat zieh' ich meine BVG-Sachen gern an." In denen ist ein rotes Label, darauf steht mit schwarzer Schrift: Vrany Enterprises. Eine Erinnerung an ihre berühmten Vorfahren, von denen sie das Schöpferische geerbt haben muss. Urgroßvater Wenzel Vrany hat in Wien als ers ter das Lagerbier gebraut. Sein Sohn Carl war in der 30er Jahren des letzten Jahrhunderts als führender Ingenieur bei der Lorenz AG funktechnisch erfindungsreich. Großvater Eduard Seppeler ersann in Adlershof einen Motorenprüfstand für Propellermaschinen, der seinerzeit auf Flug-plätzen in ganz Europa im Einsatz war. Die Mutter tüftelte an ihren Haushaltsgeräten herum und verbesserte dort dies und das.

Und Tochter Gisela, damals hatte sie noch Punk-Haare, hing sich rote Weihnachtskugeln ins Ohr. Solche kleinen, mit denen man Geschenke dekoriert. "Es ist immer dasselbe. Ich nehme was aus einer anderen Sphäre und denk' mir damit was aus." Auf diese Weise hat sie auch eine Tasche kreiert. Sie kaufte sich so ein zitronengelbes Lackutensil, das einst der große Renner war, und beklebte es mit einem nackten Mannsbild aus einem Magazin. "Da war ich 21, es war diese Zeit, als auf den Litfaßsäulen nur nackte Busen zu sehen waren.

Ich wollte gegen die Vermarktung der Frau opponieren." Jetzt arbeitet sie an einer Radiosendung, in der Obdachlose zu Wort kommen können. Sie will eine Mode design-Ausbildung nachholen, zu einer Putzmacherin in die Schule geh'n. Und die Anwältin hat neben dem Paragraphen-Studium mit der Erweiterung ihrer Kollektion zu tun. Die BVG ist inzwischen derart von der Garderobe aus Polsterstoff angetan, dass sie dieses Jahr zu ihrem 100. Geburtstag eine Modenschau damit plant.

All die kuscheligen feschen Fummel sind selbstverständlich nicht aus abgesessenem Material, sondern aus nagelneuem. Darauf hat noch niemand seine Tasche abgestellt, kein Kind sein klebriges Eispapier abgewischt, hier hat noch nie ein Allerwertester geruht. Sperrig, wie man annimmt, ist dieser Stoff beileibe nicht. Man kommt sich in einem Bus-Kleid richtig geborgen vor. Und Schickes von Gisela Seppeler aus Londoner U-Bahn-Plüschbezug könnte bald die bri-tische Hauptstädterin kleiden. Pflaumenblau. Und zart kariert.

Dreistöckig: Pagodenhut zum BVG-Kostüm.