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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.11.2005, Nr. 47 / Seite 67

Pantoffeln

Leisetreter mit kleinem Karo

Von Franz Josef Görtz

Leicht wie Ballerina, aber auf kühlem Parkett deutlich angenehmer

Als Otto Schily noch Innenminister war, empfing er seine Gäste an der Haustür oft mit verlegenem Schulterzucken: "Meine Frau sagt, zu Hause dürfen keine Schuhe getragen werden - wegen des Straßendrecks." Keiner, der ernsthaft gezaudert hätte, die Slipper abzustreifen und in Pantinen zu schlüpfen, die im Flur schon bereitstanden. Bei Becksteins ist das nicht anders. Schilys bayerischer Kollege trägt Hausschuhe nach Feierabend aus Bequemlichkeit und angeblich sogar aus freien Stücken. Auch Gerhard Schröder, der jetzt viel öfter daheim ist, murrt längst nicht mehr, wenn Doris ihm die Lederschlappen hinhält. Allerdings läßt er sie frech an den Füßen, falls er kurz mal hinaus in den Garten geht: Soviel Mannesmut muß sein, auch in Puschen und Pantoffeln.

Ein Ruck schlurft durchs Land, leise auf Filzlatschen und quer durch alle Parteien. Man wird wieder häuslich, sucht Schutz und Wärme in den Wonnen des Alltags. Selbst Guido Westerwelle liebt bei winterlichen Temperaturen kuschelige Niedertreter, wie Günter Jünemann sagt, der sie ihm verkauft hat. Jünemann holt zum Verkaufsgespräch erst Niedertreter, dann Pantoffeln, dann sogenannte Kragenschuhe aus dem Regal. Mit Kragenschuhen hält er sich nicht lange auf - Fußwärmer für Damen, in den handelsüblichen Ausfertigungen beispielsweise mit einem wollenen oder pelzigen Besatz in Knöchelhöhe. Die produzieren die Jünemanns auch, ebenso wie Pantoffeln mit Kappen ("Niedertreter"). Aber ihre Spezialität sind hand- und bei Bedarf auch maßgeschusterte Hausschuhe aller Art.

Das „Pantoffelecke”: klein aber hochprofessionell

Vater Jünemann in der Berliner Hausschuh-Manufaktur

Vater und Sohn Jünemann stehen in der Werkstatt, die dritte und vierte Generation. Ihre kleine, aber hochprofessionelle Hausschuh-Manufaktur, die in Berlin-Mitte nicht weit vom Rosa-Luxemburg-Platz Produktionsstätte und Ladengeschäft betreibt, gibt es seit 1908. Sie ist die letzte in der Hauptstadt und eine von wenigen in ganz Deutschland. "Pantoffeleck" nennt sich die Lokalität im Souterrain, in der auch eine Szene-Kneipe angemessen Platz fände. Der Prenzlauer Berg beginnt immerhin an der nächsten Straßenecke. Es geht eine ebenso steile wie schmale Treppe abwärts, dann steht man schon vor der antiquierten, aber noch rüstigen Stanze und der mächtigen Durchnähmaschine. Nach Leder riecht es weniger als nach Leim, mit dem die Absätze auf die Sohlen geklebt werden. Sonst werden grundsätzlich nur Filz und Polsterstoff verarbeitet.

Meike Böhme, eine der Designerinnen, mit denen die Firma Jünemann seit einigen Jahren zusammenarbeitet, läßt ihre Entwürfe namens "cocoon" und "pedicure" auch in einem Betrieb in Sachsen und einem zweiten in Sachsen-Anhalt fertigen: beides ebenfalls auf Hausschuhe spezialisierte Manufakturen mit fünf beziehungsweise sieben Mitarbeitern, aber ohne enge Anbindung an den Berliner Kiez - und in den aufwendigeren Handarbeiten vielleicht nicht ganz so versiert wie die Jünemanns. Weshalb die meisten Exemplare des Modells "plie" aus der Berliner Werkstatt kommen: Pantoffeln aus hellem, weichem Filz mit langen rosa Schleifen, Ballerinas sehr ähnlich und mit ähnlich graziler Anmutung, dabei vergleichbar leicht, auf kühlem Parkett für den Fuß aber deutlich angenehmer. "Filz wärmt, doch der Fuß schwitzt nicht darin", sagt die Designerin. Daß der Juniorchef Reno Jünemann Kundinnen, die wegen der Schleifen unentschlossen die Stirn runzeln, beherzt eine Schere empfiehlt, vernimmt sie mit ungläubigem Lächeln. Als Designerin mag sie pragmatische Lösungen, "schon mit Rücksicht auf den Witz der Sache", nicht gelten lassen.

„Einheits-Pantoffel”

Kamelhaar-Puschen: Immer noch der Renner

Sie ist 29 Jahre alt, stammt aus der Nähe von Stuttgart, hat in Potsdam studiert und ihr Studium 2004 als Industriedesignerin abgeschlossen. Vor dem Examen wurde sie auf Jünemanns Laden aufmerksam. Er gefiel ihr auf Anhieb - der Produktpalette zum Trotz, die zwar immer noch viel DDR erkennen ließ, dazu aber auch die Entschlossenheit, allemal sehr ironisch damit umzugehen. Die kleinkarierten sozialistischen Leisetreter, seit Generationen im unentwegten Friedenseinsatz an der Heimatfront, waren bald Kult im Kiez und wurden auf Straßenfesten zu Dutzenden aus dem Karton verkauft. Die Kamelhaar-Puschen, dieser "alte Ost-Pantoffel", wie Günter Jünemann ihn mit nostalgischem Spott nennt, ist immer noch der Renner. Erst hat er sieben bis acht DDR-Mark gekostet, nach der Wende 15 DM und seit der Währungsreform zehn Euro. Zu Honeckers Zeiten galt der Kamelhaar-Klassiker als Schmuggelware, wurde zum Subventionspreis angeboten und durfte darum nicht in den Westen ausgeführt werden. Ehemalige Ossis griffen in den späten Neunzigern gierig nach Jünemanns "Einheits-Pantoffeln" mit schwarz-rot-goldener Sohle und, wahlweise, DDR- oder BRD-Emblem.

Ein Designer-Pantoffel sei das natürlich genauso wie der - von Gisela Seppeler entworfene - "BVG-Pantoffel", meinen die Jünemanns und freuen sich mächtig, wenn man das Muster wiedererkennt. Die Berliner Verkehrsbetriebe haben damit eine Zeitlang die Sitzpolster ihrer Busse bezogen - und einige Doppeldecker fahren angeblich immer noch damit über die Berliner Straßen. In den BVG-Shops gibt es eine kunterbunte Fülle von Fan-Artikeln der Berliner Verkehrs-Gesellschaft - die Pantoffel aber vorläufig allein in Jünemanns "Pantoffeleck". Obwohl er, wie der Junior lächelnd klarstellt, "durchaus keinen Alleinvertretungsanspruch angemeldet" hat.

„Puschn” für Japan, Neuseeland und Amerika

Das Unternehmen wird seit vier Generationen als Familienunternehmen geführt
Seit der ersten Kollektion von Meike Böhmes Designer-Pantoffeln, die inzwischen mit ihrem eigenen Label ("puschn") am Markt vertreten ist, sind die Geschäfte auch international ordentlich in Schwung gekommen. Die Jünemanns beliefern Kunden in fast allen westeuropäischen Ländern, außerdem in Japan, Neuseeland, Australien und Amerika. Bei den transatlantischen Geschäften allerdings wiegen nur große Mengen die Transportkosten auf. Die Preise für landläufige Pantoffeln in allen gängigen Größen bewegen sich zwischen zehn und zwanzig Euro, selbst für die aparten Designer-Stücke zahlt man nicht viel mehr als für die handelsübliche Kaufhaus-Ware: schlappe 25 Euro für die sentimentalischen BVG-Erinnerungsstücke, 42 Euro für die Modelle "cocoon" und "pedicure" und gerade einmal 45 Euro für den ballerinahaften Parkettschoner.

www.pantoffeleck.de

Das Unternehmen wird seit vier Generationen als Familienunternehmen geführt
Leisetreter für Deutschland
Jünemann Junior an den Maschinen, die schon der Großvater bediente