DeutschEnglish

Press

Die Woche 1.2.2002 S.42

Recycling- Schick

von Chris Löwer

Sie wird eins mit dem Sitz. Wenn Gisela Seppeler in voller Montur mit einem Bus der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) durch die Stadt fährt, wird sie gern von Kontrolleuren übersehen. Sie trägt selbst de- signte Haute Couture aus dem Bezugsstoff, auf dem sie gerade sitzt. Mit diesem Camouflage- Look für BVG-Kunden wird Schwarzfahren bunt; Der Stoff leuchtet orangerot und flirrt wegen seines klein karierten Musters etwas vor Augen. Aus ihm hat Seppeler nun eine Kollektion mit Kleidern, Kostümen, Mützen, Pantoffeln und Taschen geschneidert.

In Berlin haben Designer zwischen Marcel-Duchamp-Avantgarde und Ironie-Mode mal wieder Konjunktur. Sie schneidern Klamotten mit hohem "Nanu"-Faktor, ein Spiel mit dem Verfremdungseffekt: Reiße ein bekanntes und oft benutztes Material aus seinem Kontext und stelle es in einen überraschenden neuen. Dabei wird gesampelt und recycelt, was das Zeug hält. Aber nicht so wie damals in der Öko-AG oder zu New-Wave-Zeiten Anfang der 80er Jahre, sondern hochwertig und professionell. Um Kleider aus Klopapier, Wurstpellen, Einkaufstüten, Staubsaugerbeuteln und abgewetzten Stoffen von Roulette- Tischen zu entwerfen, geben manche sogar ihre gut dotierten Jobs auf.

So wie die 42-jährige Juristin Gisela Seppeler. Nach dem Erfolg ihrer BVG-Kollektion gibt sie gerade ihre eigene Kanz-lei auf. Schuld ist der verführerische Schimmer des ÖPNV-Grobstoffs. Vor 20 Jahren wurden die ersten Busse damit ausgestattet, Seppeler kam da gerade nach Berlin, stieg zu, die Sonne schien, und sie dachte: "So ein schöner Stoff. Wie der leuchten kann." Acht weitere Jahre hat es gedauert, bis sie ihr erstes Kostüm genäht hat. Einer ihrer Mandanten war vollkommen verzückt und Seppeler wusste: "Es funktioniert."

Die Rechtsanwältin scribbelte drauflos: einen 30 Zentimeter hohen, dreistöckigen Pagodenhut, ein adrettes Kostüm im Chanel-Schnitt, einen geschlitzten Minirock, Herrenhüte, Bügel- und Umhängetaschen sowie Pantoffeln im Papa-Look. Seppeler: "Alles Stücke für Leute, die etwas wagen und täglich Bus fahren." Und nicht bei C & A einkaufen. Das Kleid kostet 300 Euro, das Kostüm 448, der Pagodenhut 245, die Pantoffeln 25. Dafür ist alles handgeschneidert und der Stoff garantiert unbenutzt. Allerdings: Die tragbaren Sitzbezüge müssen wie Schuhe eingelaufen werden. "Der Stoff ist mit seinen zwei bis drei Millimetern Dicke anfangs etwas steif, wird dann aber geschmeidig und trägt sich wie Leder", beschwört Seppeler den Tragekomfort des Materials, in dem 85 Prozent Wolle stecken. "Im Winter halten die Sachen bestens Wind und Regen ab."

Das gelingt noch besser mit der äußerst wetterfesten Plastiktaschen-Kollektion des Labels "Florindaschnitzel" der Berliner Modedesignerin Heike Ebner. In den als "Türkentüten" bekannten rot-weiß-blau-karierten Taschen lagerte die 32-Jährige Stoffe, bis sie aus den unverwüstlichen Plastik-Gewebe-Dingern Damen- und Herrenjacken schneiderte. Herausgekommen ist eine nette Karikatur der edlen Karos von Prada oder Burberry. Vollplastik, knitterfrei, wasserresistent - und mit 150 bis 190 Euro nicht gerade billig. Dazu passend gibt es ein Hundekostüm für 180 Euro mit Original-Henkeln, was Firn schick und tragbar macht - die günstige Variante zum Doggy-Trenchcoat von Burberry.

Wenn die Braut wie aus der Wurst gepellt zur Hochzeit erscheint und dabei noch sehr sexy aussieht, dann hatte Daniel Rodan seine Finger im Spiel. Der Lederdesigner liebt Materialexperimente. Zurzeit laboriert er mit Wurstpelle. Das Hochzeitskleid glänzt seidig-matt, ist extrem leicht, mit perfekt gebügelten Falten und besteht, was man ihm wirklich nicht ansieht, zu 100 Prozent aus Salammihaut. "Die ist wegen ihrer Reißfes- tigkeit und Oberflächenstruktur sonders geeignet", haben Rodans Tests ergeben. Er versichert, dass die Meterware vom Metzger garantiert fleischfrei ist. Andere Kleidungsstücke hat er aus Naturdarm gefertigt; nicht zu empfehlen sei Leberwurstpelle - zu unansehnlich. Derzeit sucht er einen Wurstfabrikanten als Sponsor für eine komplette Kollektion.

Einfacher war die Finanzierungsfrage bei dem Deal mit der Berliner Spielbank, die Rodan unlängst ausgeräumt hat. Genauer gesagt: die Bezüge der Roulettetische. "Das ist der Stoff, auf dem Millionen Mark gemacht wor- den sind. Von ihm geht ein ungeheurer Reiz aus", sagt Rodan. Diesen leicht abgeschrubbten Charme des Geldes in Gestalt grünen Filzes mit zierenden Zahlen tragen nun einige Berliner, meist Spieler. Gekauft haben sie wahrscheinlich nach einer Glückssträhne: Das Einsteigermodell, die Weste, ist für 400 Euro zu haben und das Abendkleid für 1800. Der umtriebige Designer schwört auf Material mit Geschichte: "Mich interessieren Stoffe, die schon etwas er lebt haben, weil sie die Kleidung intensiver wirken lassen." Für seinen Ladennachbar auf dem Ku'damm, dessen Ware wegen eines Hausabrisses völlig verstaubt verkauft werden musste, hat Rodan rasch eine Hostessen-Kluft aus Staubsaugerbeuteln von Swirl gefertigt und für einen Optiker ein nur bedingt tragbares Kleid aus Brillengläsern - im Brust- und Schambereich wurden züchtigerweise getönte Gläser verarbeitet. Und wann kommen die ersten Miniröcke aus Orangenhaut? Rodan entscheidet spontan, was als Nächstes passieren wird. Bus-Freundin Gisela Seppeler hat hingegen konkrete Pläne für ihre gerade gegründete Firma Vrany: Sie will die Metropolen mit ihrer Bus- und Bahnmode erobern. Es sollen folgen: London, Sydney, New York. Mit den |Betreibern der Londoner Subway sind die Ver-handlungen schon recht weit vorangeschritten. Ein Fall für die Sommerkollektion, der pflaumenblaue U-Bahn-Stoff, denn er ist deutlich gdünner als der aus Berliner Bussen.